Rotwein und Radel
Schoenen guten Sonntag! Gestern war ein besonderer Abend. “Socialising” war angesagt.
Durch die Freundin meines Mitbewohners wurde ich auf eine Party verschleppt, die mir wertvolle Einblicke in die Psyche Englischer Businesswomen verschaffte. Umgeben von Anwaeltinnen und Gerichtsvollzieherinnen (Muss eine Mottoparty gewesen sein) ging es den ganzen Abend um Scheidungen (die meisten arbeiten in lukrativen Scheidungsbusiness) oder darum welche Firma man gerade aufgeloest hat, bzw. wie viele Jobs man in der letzten Woche “redundant”, also ueberfluessig gemacht hat. Beziehungen wurden mit vielen Fachworten seziert und auf den allgemeinen Gesetzestext reduziert. Oh, eine Werberin war auch da, eingeladen von einer ihrer besten Freundinnen, sie lernten sich kennen als man die Agentur aufloeste. Die Werberin war die Eigentuemerin, die andere die Gerichtsvollzieherin. Frauenfreundschaft. Was mich aber ein wenig erschrak, war die Tatsache, dass eine wirklich gelungene Gartenparty mitten in London nicht genug ist. Um Mitternacht verliess ein Grossteil der Truppe die Party um sich fuer die naechsten drei Stunden in einen Nachtpub zu hocken. Man laesst seinen Gastgeber also einfach sitzen und geht geschlossen woanders weiterfeiern. Wirklich, Essen, Getraenke, Location, Wetter…alles perfekt. Aber nee, man muss sich zeigen und in eine Kneipe quetschen. Seltsames Volk. Das ist schon die dritte Party hier die so endete. Muss wohl normal sein, die Fete zu verlassen. Aus einem Land kommend, wo die Party um Mitternacht herum erst anfaengt richtig gut zu werden, muss ich den Londonern mein Beileid aussprechen. Der Rest der Truppe sass dann noch etwa 2 Stunden draussen. Eine besonders schicke Schickse (Ich wohne in einer exclusiven Gegend in einem Haus, well, in MEINEM Haus to be precise…) langweilte sich so sehr, dass sie mich ploetzlich fragte, ob ich nicht etwas Koks haette. Ich bat Ihr Rotwein, Kaese und Baguette an (Selbstversorger…), so von wegen Art de Vivre und so…..aber das ging wohl daneben. Naja, so wie sie sich benahm, hat sie das Haus eher einer ihrer Scheidungsanwaltsfreundinnen zu verdanken. Leider hat ihr die Scheidung keinerlei Intelligenz, Zufriedenheit und Takt gebracht. Shit happens. Eigentlich sahen sie alle ganz gut aus, wie aus einer dieser Amiserien, Sex in the City, Desperate Housewifes und so weiter. Aber mit dem Scheiss, den die Maedels mit einer absolut uebertriebenen Queen Mum Style gelabert haben, kann man wahrlich ganze Kartoffelfelder duengen. Ach was waren sie alle wichtig und toll. Mir fiel auf, dass sie alle Schuhe ohne Schnuersenkel trugen….fuer mich eindeutig ein Zeichen, dass es zum Schuhebinden nicht reicht, harrharr……Tja, gegen 2 Uhr heute Morgen hbe ich dann freiwillig die Zelte abgeschlagen, dank der Geschmacklosigkeit der Gaeste blieben die zwei von mir gestifteten Flaschen wirklich guten Bordeaux mir alleine vorbehalten. Ich schwang mich auf mein Rad und fuhr los, von Kings Cross nach Wembley Park….dachte ich. Aufgrund der Tatsache, dass ich auf der linken Seite fuhr, die Uhr eine Stunde zueruck ist und ich ein paar Promille intus hatte, fuhr ich in die falsche Richtung. Ungefaehr zwei Stunden lang. Ganz gemuetlich. Als ich dann ploetzlich Autobahnschilder mit dem Hinweis “Direction Stansted Airport” sah, wusste ich Bescheid. Ich war also in Clayhall gelandet, ein Kaff im Einzugsbereich, am Arsch der Welt. Auf der Karte (Ja, ich hatte sie im Rucksack) sah das alles gar nicht so weit aus. Na, am Ende bin ich heute Morgen um 7:00 angekommen…nuechtern, Zombifresse, Wadenkraempfe, Schrittweh. Mein neuer Gelsattel hat’s am End’ net rausgerisse. Gott sei Dank hatte ich meine Radklamotten dabei, ich waere sonst eingegangen. Irgendwie erinnert mich das an….die Schweiz? Nur waere ich dort wohl ueber Nacht erfroren. Ich sollte verstaerkt an der Wahrnehmung und Vermessung meines real existierenden Paralleluniversums arbeiten. Das kann so nicht weitergehen. Gibt es eigentlich schon GPS fuer Radler? So mit fahrradoptimierten Maps? Auf dem Weg habe ich uebrigens zwei mal eine gross angelegte Polizeikontrolle gesehen, einmal haben sie mich rausgewunken, ich bin aber seelenruhig abgebogen, wie so viele an diesem Abend. Englische Polozeikontrolle halt. Da standen sie, verloren, keiner wollte mit ihnen spielen. Man konnte die Kontrolle wirklich ungestraft umfahren!!! Na, dachte ich, gibste ihnen noch ne faire Chance und faehrst mal von hinten durch die Kontrolle durch. Auch nix. Sie haben sich nur gewundert. So, und was macht man in England wenn einem so gar nichts einfaellt? Richtig. Man spricht ueber das Wetter. Es ist angenehm warm und die Sonne scheint. Sonntag. Die Simpsons laufen und ich werde mich mal auf meinen Tag morgen vorbereiten. Wir haben nun einen NLP Trainer als Manager im Hause. Da muss man auf seine Koerpersprache achten. *Kopfkratz* Servus, Kontinent!