Brain Drain to Germany

RodgauDie individuelle Entscheidung, an einem Ort zu arbeiten und zu leben, ist von vielen Faktoren beeinflusst. Da ich als kulturanthropologischer Verhaltensforscher von Haus aus überdurchschnittlich mobil bin, habe ich mich nach vielen Jahren Klein-Britannien nun zur Fortsetzung meiner Beobachtungen in Nieder-Roden, ich Fachkreisen auch Nirreroure genannt, niedergelassen.

Von meinem äusserst sicheren Hochsitz im 4. Stock habe ich nun einen wundervollen Ausblick auf meine neuen Forschungsobjekte! Die Nieder-Rodener Spezies qualifizierte sich knapp vor dem benachbarten Höhlenvolk, den Dudenhöfern, durch starke geistige Unbeweglichkeit, ausgeprägte Konformität mit gesellschaftlichen Normen und einer überdurchschnittlichen Abneigung gegen Veränderungen der gewohnten Lebensumgebung. Diese Veränderung steht nun mit einem Auto „des wo des Lengraad uff de falsch Seide hot“ auf ihren Parkplätzen herum und spricht akzentfrei Dialekt. „Ein Dämon, Herrgottmariaundjosefhilf“. Nein, liebe Nieder-Rodener, (oder sagt man Nieder-Rödener?) kein Dämon. Schlimmer. Ein Giesemer. Aus London. Mit einem französischen Namen. Da hilft auch kein Exorzismus, ich bin nämlich Katholisch, muaharrharrharrharr!

Na Spass beiseite, ich bin hier im Haus bis jetzt sehr herzlich aufgenommen worden und freue mich mal wieder im Rodgau zu sein. Hauptberuflich bin ich jetzt Ober-Plastechecker im Namen des Herrn: Direkt neben der Konsti, wo die grossen Kinder ihre bunten Pillen bekommen, verchecke ich kleine bunte Steinchen an die lieben Kinderlein.

Nach fünf Jahren im Exil habe ich nun also wieder eine Wohnung, einen Arzt, eine Krankenversicherung, chlorfreies Wasser und kühles Bier aus sauberen Gläsern. Meine Abstellkammer ist so gross wie mein letztes Zimmer in England, etwas verloren noch schleiche ich durch die 87 Qadratmeter. Durch konsequente Raumbeschilderung aber minimiere ich das Risiko mich zu verlaufen, in Wieder-Einwandererkreisen kursieren nämlich Horrorgeschichten von Ex-Briten die sich in der neuen Deutschen Wohnung verlaufen haben und dann verhungert und verdurstet in der Ecke mockernd aufgefunden wurden….grausam, Tod durch Freiheit.

Erste MahlzeitHeute bereitete ich übrigens mein erstes Mahl zu, fast ganz ohne Kücheneinrichtung!

Die Induktionsherdplatten mangels Küchenmöbel mutig auf das Bügelbrett geschnallt und 250 Gramm argentinisches Rindersteak mit Apfelwein (mangels Öl) in der Stahlpfanne kampfgebraten. Dazu feiner Feldsalat ohne Soße (mangels Essig) und das ganze appetitlich in einer alten Tupperdose angerichtet (mangels Teller) die bis heute Abend noch als Kramkiste fungierte. Dazu ein Bio Tempranillo, den aber immerhin stilvoll aus dem Spiegelau Kristallglas. Zu meiner Überraschung verstand sich das Rind sehr gut mit dem Apfelwein und ich konnte aus den Schmorresten und ein wenig mehr Äpplerzugabe sogar ein lecker Sößchen zaubern! Also Männer, muudisch voran wenn die Bawwett emol in de Landfrauefreizeit is! Pännsche, Fleisch, Äppler, ferdisch!

Tja, in  Nieder-Roden findet ihr mich also ab jetzt. Aber hey, shit happens.

So weit die Lage in meinem Mikrokosmos, Gute Nacht!

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9 Kommentare zu Brain Drain to Germany

  1. Alex sagt:

    Also, Angebot steht noch Tasse, Teller, Töppe………………………………..schönen Tag und schön daß du wieder da bist 🙂

  2. sams sagt:

    Reich im Heim!

  3. Thorsten sagt:

    Gude,

    da das mit meinem Londonbesuch ja aus traurigen Gründen leider nicht geklappt hat, entsteht in mir der spontane Impuls dich zur Feier deiner Rückkehr auf ein schönes deutsche Kilkenny ins Schwein einzuladen!

    Na wie siehts aus, Burger und Saufen frei, so richtig schön heimisch!

    Gruß Thorsten

  4. rainer oczko sagt:

    lieber andré,selten so gelacht, bitte um Abo

  5. andre sagt:

    Wieder einmal sehr fein und trefflich in nur drei Worte gepackt, ick freu‘ mir ooch, Samsel 🙂

  6. andre sagt:

    DES mache mer! Impulshandlungen sind doch die besten, besonders wenn es um Essen und Trinken geht 🙂 Sag mal per Mail an wann Du so schaffst.

  7. andre sagt:

    Abbonierd. Freut mich Dich auch hier begrüßen zu dürfen!

  8. Wolfgang sagt:

    Des sin jo mol schäne Aussischde. Un wie long bleibschd, Bu?
    Es war wieder eine Freude deine Zeilen zu lesen. Weiter so

  9. Stöcki sagt:

    Gude frenchi,
    Im September bei mir!? dirk & lars sind schon mal mit von der partie – jetzt fehlt nur noch was mit deiner internationalität!

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