Endlich unter Terrorverdacht.

terrorist1.jpgNach etlichen Anläufen ist es mir nun gelungen: Ich stand heute unter Terrorverdacht. Das Rezept: Rucksack tragen, die Spiegelreflex im Anschlag und wild Bilder schiessen. Derzeit eine Garantie für den besonderen London Thrill! Touristen aufgepasst. Schluss mit lustig.

Auf dem Weg zu einer Telekommunikationsmesse stellte ich fest, dass der ehrwürdige Bahnhof Earls Court eine neue Dachkonstruktion erhält und deshalb ziemlich aufwendig mit einem Gerüst versehen wurde. Earls Court Station ist eine Station des Bezirks Royal Borough of Kensington and Chelsea und liegt unmittelbar neben der Messehalle Earls Court Exhibition Centre.

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Am 4. Oktober 1911 wurden hier die ersten Rolltreppen auf dem Netz der London Underground in Betrieb genommen. Die Fahrgäste waren der neuen Technologie gegenüber noch sehr skeptisch. Aus diesem Grund beschloss das Unternehmen, einen Mann namens Bumper Harris anzustellen. Dieser hatte ein Holzbein und fuhr in der ersten Woche ununterbrochen rauf und runter. Dadurch konnten die Fahrgäste überzeugt werden, dass Rolltreppen völlig ungefährlich sind. In der Folge setzten sie sich im gesamten Netz der Underground durch. Heute wissen die Londoner nicht einmal mehr wie man normale Treppen steigt.

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Naja, zurück zum Terror. Ich habe wenige Minuten damit verbracht die interessante Konstruktion zu knipsen, als ich plötzlich von zwei Herren der British Transport Police umzingelt wurde, Maschinengewehre im Anschlang, der eine den Finder am Abzug! Ich hab" gedacht mein Schwein pfeift. Nachdem ich meinen Kopfhörer abgenommen hatte, rutschte mir ein höfliches "How can I help you, Gentlemen?" heraus, womit die Herren irgendwie nicht gerechnet hatten. Sehr harsch wurde ich gefragt was ich hier denn mache. Ich sah der Situation entsprechend lange meine Kamera sowie abwechselnd die Beamten an um dann schliesslich festzustellen, dass ich wohl Fotos mache: "Errr…I am taking photos?!" Ich wurde gefragt, warum ich Fotos schiesse. Mitten in London. "Because I am a photographer. Photographers do take photos here and there."…der böse Cop schaute mich
nun noch böser an und der gute Cop bootete nun auch seine Terror-Notfalldiskette…

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Wo ich denn herkomme, wie ich denn heisse und warum ich überhaupt hier rumstehe musste ich den Herren beantworten. Ich komme zur Hälfte aus Deutschland, zur Hälfte aus Frankreich. (Gib den Affen Futter…) "Mein Name ist (Räuber Hotz…Spässle…) André Toussaint und ich stehe hier so rum weil ich, wie bereits erwähnt, Fotos schiesse. Ich wurde auch schon darauf aufmerksam gemacht, dass die Verwendung von Blitzgeräten in Bahnhöfen wegen den Terroristen verboten ist, wusste aber nicht, dass man jetzt auch keine Fotos mehr machen darf. Da müssen Sie mal langsam Schilder aufstellen bei den viele Touristen in London!" "Fotos darf man schon machen" sagte da der gute Cop. Der böse schaute weiter böse. Und grimmig. Er war viel kleiner als ich und ich konnte süffisant über seine Mütze gucken. (Ja wo isser denn, Coooop, Cop, Cop, Cop…) Chicken! Nicht mal die Uniform hat geholfen. Naja, ich musste mich dann "Ausweisen", die Transport Police akzeptierte meinen billigen Messeausweis, fragte aber nach warum da ICT Manager und nicht Photographer drauf steht. Karl, mei Drobbe!! Fast hätte ich gesagt "Institute for Counter-Terrorism (ICT) aber das habe ich lieber gelassen. Ich musste also erklären, warum ich behauptete, Photograph zu sein aber eine von dieser Aussage abweichende Berufsbezeichnung auf dem Messeausweis habe. Die wollten"s wirklich wissen. Währenddessen sind übrigens vier bis fünf potentielle Terroristen an uns vorbeigelaufen. Ich habe all mein Englisch zusammengerafft und ziemlich genau folgenden Satz abgelassen: "The C stands for communication, communication allows people to exchange information by several methods. One method is visual communication, hence the pictures, Sir!" Tja, damit haben die Labbeduddel in Uniform nicht gerechnet. Eat this, f***er. So ist das nämlich mit der Information and Communication Technology. Ganz schön komplex, das. Nicht so einfach wie guter Bürger vs. pöser Terrorist. Der böse Cop konnte plötzlich sprechen: Ob ich denn schon einmal von der British Police Force festgenommen wurde schnarrte er, was ich natürlich verneinte. Da ich mir nichts vorzuwerfen hatte, wurde nun auch mein Ton schärfer. Ich erwiderte, dass sich seine Frage so anhört als würde er mich nun festnehmen wollen und fragte ob noch weitere Gründe für diese Unterhaltung bestünden. Während der böse Cop über meinen Satz nachdachte, lenkte der gute ein und erklärte mir, dass ich ja sicher von den Bombenanschlägen in U-Bahnen gehört habe. Ja, das habe ich, indeed. Ich wurde dann mit ernster Miene aufgeklärt, dass Terroristen in der Regel vor einem Anschlag Fotos machen und ich deshalb so verdächtig sei. Ja, is klar. Achmed Bombüngürtül ist natürlich einen Tag vorher U-Bahn gefahren und hat das Abteil geknipst. Wenn Panikmache lächerlich wird, solte man mal langsam Luft holen, liebe Polizei. Der gute Cop hat mich dann noch aufgeklärt, warum das Gerüst steht (Renovierungsarbeiten am Dach, ACH kuck"¦.) und mich dann noch gebeten die Bilder checken zu dürfen, zur Sicherheit. Ich habe ihm dann die Bilder gezeigt und die Security Brothers haben sich getrollt. Danke Empire, ich fühle mich nun schon viel sicherer. Ganz grosses Kino. Heute Abend sitzt der böse Cop zu Hause und erzählt seiner Familie mit glasigen Augen davon wie er London vor einem Terroranschlag bewahrt hat. Mann, mann, mann"¦nicht dass ich mich darüber aufrege dass ich angesprochen wurde, nein, es ist mehr das wie ich angesprochen wurde. Sehr unfreundlich, in einer unsouveränen Art wie ich sie nur aus alten Western kenne. Wahrscheinlich bekommen die Miami Vice als Lehrvideos von ihrem Arbeitgeber. Wenn sie so mit einem Ausländer Arabischer Herkunft sprechen, werden sie sofort wegen Rassismus verklagt. Sacknasen, abtreten!

Aber das ist derzeit normal hier drüben, unter anderem das Ergebnis einer neuen Kampagne die selbst die gute alte STASI in Ihrer Effizienz zu übertreffen scheint. In ganzseitigen Anzeigen und auf Postern in der Stadt wird mit diesem Plakat zum Denunziantentum aufgerufen (Hier zum Herunterladen hier als PDF, bitte Ausdrucken und auf den Kühlschrank pappen"¦es dient unserer Sicherheit!) und für die bloody Germans hier eine grobe Übersetzung der Propaganda:

  • "Kennen Sie jemanden der viel reist aber nie sagt wohin?" (Ich, mich.)
  • "Kennen Sie jemanden der ohne ersichtlichen Grund verschiedenen Namen auf Dokumenten hat?" (Ich, mich.)
  • "Kenne Sie jemanden, der ohne Grund grosse Mengen an Chemikalien kauft?" (Ich net)
  • "Mit Chemikalien umgehen ist gefährlich, haben Sie vielleicht irgendwo Schutzmasken oder Brillen gefunden?" (Ich net)
  • "Falls Sie in einer Autovermietung arbeiten: Gab es verdächtige Kunden?"
  • "Kennen Sie jemanden der mehrere Mobiltelefone besitzt?" (Ich, mich)
  • "Haben Sie jemanden gesehen der Fotos von Sicherheitsvorkehrungen macht?" (ICH, ICH, ICH!)
  • "Kennen Sie jemanden, der Terrorwebseiten besucht? (www.BILD.de ??? www.thesun.co.uk???)

Und so weiter"¦.das Motto der Kampagne ist: Du musst Dir nicht sicher sein, melde es einfach. Prima Methode um den ungeliebten Nachbarn zu erschrecken. Tja. liebe Kontinentals, da brauchts kei" Brill""¦die Festung Europa zieht langsam die Daumenschrauben an und die überwachungsgeilen Briten spielen in der ersten Liga. Falls Ihr den Schäuble oder den Beckstein entsorgen wollt: Schickt sie auf die Insel! Hier werden sie gebraucht. Ganz doll sicher: Euer T. ERROR. ist"¦

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2 Antworten zu Endlich unter Terrorverdacht.

  1. der Zombiefred sagt:

    immer die ausländer…is doch klar…
    vor dem „blitz“ hat die luftwaffe schließlich auch fotos von london, manchester und coventry gemacht.
    deshalb ja auch: „ohne blitz fotografieren“

  2. Pingback: VAhanus Blog | It's the end of the world as we know it….

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