Schöner Sterben – Die Bierflut

120px-bierbrauerMexikaner verbreiten mutwillig die Schweinegrippe und die Briten sind schwer beunruhigt. Kann man Bacon zum Frühstück noch essen? Macht es einen Unterschied ob man Schabefleisch oder Scheibenschwein futtert? Sind Schweine jetzt Terroristen? Werden wir alle sterben? Wo bleiben die Truppen? Da lehne ich mich doch erst mal zurück und sage: Prost!

Die "Swine Flu ist nur halb so schlimm. Sterben in England kann doch so abwechslungreich sein wie sonst nirgends. Zum Beispiel während der grossen Bierflut 1814 in London:

180px-meux_nut_brownSir Henry Meux’s Londoner Brauerei, die Meux’s Brewery Co Ltd., wurde 1768 gegründet um die Stadt mit Porter Bier, einem dunklen, oft tiefschwarzen, malzigen Bier zu versorgen. Sir Henry hatte generell viel Durst (und wohl auch Geld) und kaufte deshalb Brauerein was das Zeug hielt. Eine seiner ersten Brauereien war "The Horse Shoe Brewery", an der Kreuzung Tottenham Court Road/Oxford Street, die letztendlich auch in Henry"s Firmenlogo übernommen wurde. Wir warten nun gespannt auf eine Klage der Firma Pfungstädter, die das Hufeisen ja auch im Logo trägt. Aber egal. Pungschd bleibt Pungschd. Des losse mer uns von de Bridde net nemme.

riesenfassDie Horse Shoe Brauerei war schon etwas besonderes in der Stadt, denn sie wartete mit einem gigantischen 6,7 Meter hohen Porterfass auf welches 565.2 Kubikmeter Bier fasste. Im Oktober 1814 wurde eine dicke Party gefeiert um das Riesenfass einzuweihen.

Während des anschliessenden Füllens des Riesenfasses aber liessen die geschmiedeten Fassreifen plötzlich nach, das Fass barst und die klebrige Brühe ergoss sich in einem satten Rutsch quer über die Strassen von Tottenham und floss in die umliegenden Häuser. Da die meisten Häuser in dieser Gegend eher dem glichen was wir heute unter "Lehmhütte" kennen, war die Katastrophe gross: Die armseligen Hütten brachen sofort in sich zusammen und begruben die Bewohner unter sich. Acht Menschen hat es das Leben gekostet, einige davon sind tatsächlich am Bier ertrunken und man sagt, dass sogar ein besonders hartnäckiger Londoner einer anschliessenden Alkoholvergiftung erlag. Tod im Biertsunami. Das nenne ich doch mal einen stattlichen Abgang!

Im Krankenhaus bahnte sich dann zu allem Überfluss noch ein Tumult an: nachdem die ersten Opfer eingeliefert wurden, sie rochen alle nach schwer nach Bier, reagierten die restlichen Patienten sehr ungehalten auf die vermeintliche Freibiergabe der Sanitäter und forderten, spontan vom gröbsten geheilt, lautstark kostenlose Plörre.

Alles in allem also bad luck: Die Pferdeschuh Brauerei hat in wenigen Sekunden ihr Kapital verloren, die Alkoholsteuer auf das Fässle war auch schon gezahlt, die Nachbarn waren not amused at all und es musste eine neue Lizenz beantragt werden.

Vor Gericht aber kam unerwartete Hilfe von ganz oben: Der liebe Gott hatte Verständnis für die Drogenbarone und flüsterte dem Richter "Act of God" ins Ohr: Höhere Gewalt.
Die Steuer wurde zurückerstattet und das Alkoholvertickern konnte ohne Rücksicht auf die Verluste in der direkten Nachbarschaft weitergehen. So haben wir das gerne, schön unBierokratisch gelöst das ganze.  Die Brauerei wurde 1922 schließlich abgerissen, heute steht dort das Dominion Theater und versorgt die Menschen mit Kultur statt Bier. So passiert das In London.

bingedrinkinkr2In stillem Gedenken an diesen furchtbaren Tag treffen sich nun immer noch jeden Freitag und Samstag Menschen zu Passionsspielen in Pubs, um die damaligen Geschehnisse gemeinsam aufzuarbeiten. Literweise wird das schale Bier in die Hälse gekippt, ein Ritual vergleichbar mit der Selbstgeißelung der Flagellanten. Um eine Vergegenwärtigung der damaligen Katastrophe und bingedrinkr1die symbolische Ähnlichkeit herzustellen, durchbrechen die Pubtrinker alle Grenzen um eine reale Unmittelbarkeit zum leidenden Bieropfer herzustellen. Teil dieses eschatologischen Schauspiels, das tief in den Wurzeln auf die körperliche Vergegenwärtigung des Leidens Christi abzielt, ist das zur Schau gestellte Versacken auf öffentlichen Wegen und das Erbrechen im Transportmittel der Wahl. Absolve Domine.

Wie man sieht brauchts hier wirklich keine Schweinegrippe. Es ist auch so spannend.
Bis demnächst mal wieder!

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