Warten auf Idiot

telefonGestern habe ich, frei nach Samuel Beckett, von 8:00 bis 16:30 auf eine Person namens Idiot gewartet. Eine Person die ich nicht kenne, von der ich nichts genaues weiss, am Ende nicht einmal, ob es Idiot überhaupt gibt. Idiot selbst erschien in der Tat bis zuletzt nicht und das Warten auf ihn war offensichtlich vergeblich. Am Ende des Aktes ertönte eine Servicemitarbeiterin, die verkündete, dass Idiots Ankunft sich weiter verzögert. Ein Erfahrungsbericht vom Deutschen Telekommunikations-Fronttheater.

In Deutschland einen Telekommunikationsanbieter zu wählen ist eine ganz besondere Sache. Wer sich erfolgreich durch den Tarifwust und diverse Abripp-Versuche des Ex-Monopolisten und der windigen Neufirmen geschlagen hat, bekommt sogar richtig was geboten. Naja fast. Denn noch hat der Deutsche Telekrampf seine klebrigen Monopoltentakeln fest an der letzten Meile angedockt und ist sich dieser Macht auch sehr bewusst. Meinen Telefonanschluss sollte ich also 'schon“ zwei Wochen nach der Bestellung nach meiner Antragstellung freigeschaltet bekommen.

Während die Menschheit munter Marssonden losschickt (und fernsteuert!), per HSDPA mit dem Handy in DSL Geschwindigkeit surft und Donuts mit Vanillegeschmack produziert, benötigt die Telekom wohl noch immer einen „Telekom Ingenieur“ der vor Ort magische Rituale vollzieht.

Ich habe mir also nach telefonischer Avisierung meines Fremdanbieters (sic!) extra einen Tag Urlaub genommen und auf die Ankunft meines Freizeichen-Erlösers, des wahren Propheten der Kommunikationsdrähte gehofft. Der kam natürlich nicht und hielt es auch nicht für nötig, sein kabelloses Telekommunikationsgerät in seine schwitzigen Drahtgriffel zu nehmen um mich darüber zu informieren, dass er den Tag bei 32 Grad doch lieber am Kiessee verbracht hat, statt in fünf Minuten irgendeinen Anschluss freizuschalten. Natürlich habe ich sofort meinen Fremdanbieter verständigt, beziehungsweise habe ich es versucht:

Die ersten zwei Damen vom Grill legten unverrichteter Dinge einfach auf, um mich per anschliessend geschaltetem Band über eine kostenpflichtige Rufnummer zu informieren. Die zweite Dame nannte schon mal auf Nachfrage ihren Namen (das war der Moment als die anderen beiden auflegten), verstand aber nicht wirklich was ich nun wollte: Mit dem zuständigen Kundendienst zu sprechen OHNE die kostenpflichtige Rufnummer zu wählen. Das Konzept „Ich zahle kein Geld um Ihnen zu helfen mich als Kunde zu gewinnen“ verstand sie nicht. Sie beharrte darauf, dass es „technisch nicht möglich sei“ mich weiter zu verbinden. Come on, Baby: Ich war selbst schon in der Telefonmariechenbranche, sischer geht dat.

Die Mädels gaben sich jedenfalls alle Mühe, den Sachverhalt analytisch zu kären:

„Waren Sie denn sicher zu Hause?“ (Nein, ich habe mein alter Ego Warten lassen.)

„Haben Sie denn eine Klingel?“ (Nein, hier in Nieder-Roden kratzt man noch am Mammutknochenverschlag der Wohnhöhlen)

„Haben Sie denn überhaupt schon einen Anschluss bei uns bestellt?“ (Wah??? Nee, ich habe die Kundennummer im Lotto gewonnen….)

Da fällt einem doch nichts mehr ein. Der vierte Anruf brachte dann jedoch die Erlösung: Ich wurde von einem sehr netten Herrn einfach so verstanden und weiterverbunden. Die Dame am anderen Ende der Leitung bedauerte meine Situation (In Fachkreisen „Deeskalation durch Empathie“ genannt, oft von drehenden Augen des Kundendienstlers begleitet) und rückte nach hartnäckigem Nachfragen nicht nur die interne Telekom Auftragsnummer heraus sondern auch die offizielle Begründung für das Nichterscheinen des Telekom Mitarbeiters:

SONSTIGES.

Ja, genau. Sonstiges. Wegen plötzlichem und ungeahnt heftigem Eintritt von „Sonstigem“ konnte der Mann nicht einmal anrufen um mir nach 8 Stunden warten zu sagen, dass er gar nicht kommt. Die Arschkrampe. Ich hätte grosse Lust, einfach mal so einen Monat keine Grundgebühr zu bezahlen und als Begründung „Sonstiges“ anzugeben. Scheint ja zu funktionieren bei denen. Beschweren kann ich mich jedenfalls nicht, da keiner der Bratenten wusste wie und wo. Drei von fünf wussten wie bereits erläutert gar nicht was ich von ihnen eigentlich will beziehungsweise wer mir da weiterhelfen kann. Ja kann das denn sein? Ach, ich vergaß, ich bin ja nur ein Antragsteller in Deutschland. Irgendwie wurde ich als „Consumer“ besser bedient, in Deutschland ist Servicemässig auf den ersten Blick alles mit schier unlösbaren Problemen verbunden. Ich habe nun einen neuen Termin und harre des Drechschnickers der da kommen soll. Erneut ist keine telefonische Avisierung möglich, auch nächsten Dienstag werde ich demütig von 8:00 bis 16:00 in meiner Wohneinheit verharren und bei jedem einparkendem Auto mit klopfendem Herzchen am Fenster stehen und hoffen, dass ich diesmal ein Magentafarbenes Männlein durch das Mückengitter erspähen kann. Als Belohnung lege ich Schinkenstreifen im Treppenhaus aus. Mein Schamane sagt, das locke die Strippenzieher aus den Löchern. Na schauen wir mal.

So weit: Schaltungsverzögerung, setzen, sechs!

Gute Nacht und bis wahrscheinlich bald in diesem Theater!

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Ein Kommentar zu Warten auf Idiot

  1. Stöcki sagt:

    hi hi – telefonanschluss! ich sach nix!

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