Wem ist die Kerb? – Unser!

WarzenschweinAus gegebenem Anlass veröffentliche ich heute aus meiner Forschungsreihe „Mikrokosmen Dorf und Kaff aus ethnosoziologischer und kulturanthropologischer Sicht“ mal wieder eine kleine Passage. Man schreibt den Monat September im fernen Nieder-Roden…..es wird langsam kalt.

Es herrschte Feierlaune auf dem kleinen Dorfplatz, drei Tage lang hat sich das Volk ausserhalb der „Fassenacht“ mal wieder so richtig willenlos die Goldkante gegeben. Eigentlich ein sehr schöner Brauch, so eine Kerb. Menschen finden sich, trennen sich, erkennen sich am nächsten Tag nicht wieder….und tun manchmal Dinge, an die sie sich nur schwer erinnern wollen.

Eigentlich wird die Kerb, wie die Kirchweih im regionalen Dialekt genannt wird, seit dem Mittelalter als religiöses Fest anlässlich der Weihe einer christlichen Kirche gefeiert. In Nieder-Roden allerdings spielt der religiöse Kontext eher eine untergeordnete Rolle, selbst der Pfarrer nimmt Reissaus und verwaltet seine Schäfchen aus Sicherheitsgründen via „heilige Fernbedienung“ wie mir zu Ohren kam. Sogar der Pfarrer haut ab? Es war ganz klar, da muss ich hin, in se Näim off se Lord änd hör Mäidschestieh!!!

Von innen aus Sicherheitsgründen leicht desinfiziert, schwankte ich friedlich von Zelt zu Zelt um meine neuen Forschungsobjekte näher zu betrachten. Selten doch tummeln sich so viele Exemplare der Homo Rotaha Inferiorensis (auch der gemeine Nieder-Röder genannt) in freier Wildbahn, ein gefundenes Forscherfressen sozusagen!

Endlich im Zentrum der Macht angelangt traf ich dann die Eingeborenen. Spontan lud man mich ein, einem geheimen Initiationsritual beizuwohnen, dem sogenannten „Hasenscharten“:

Nach kurzem Säbelrasseln umarmt einer der schwer alkoholisierten „Kerbborschen“, der aus noch nicht zu 100% erforschten Gründen angezogen ist wie eine Frau, das nichtsahnende Opfer ohne Vorwarnung im Klammergriff und schleppt es auf die offene Strasse. Dort schlägt er dann drei mal kräftig mit der Faust in das Gesicht des Adepten. Die dabei entstehende tiefe Platzwunde an der Oberlippe, die einem Schmiss gleicht, scheint den Mann in Frauenkleidern sexuell zu stimulieren: Der Schläger springt in ungelenken Sprüngen wild umher, sein begleitendes Grunzen versucht offensichtlich die Naturlaute eines Raubtiers nachzuahmen. Das Schauspiel wird dann schliesslich mit einer Art „Phallustanz“ abgeschlossen: Der Akt der Begattung und Befruchtung wird mimetisch dargestellt, mit grotesken Bewegungen lässt sich der Schläger von einem anderen Mann von „hinten halten“…. Das ganze Schauspiel dauert nicht mehr als wenige Sekunden und wird dann durch gemeinschaftliche Legendenbildung abgeschlossen.

Dieses in den Unterschichten der Dorfgemeinschaft herrschende Ideal eines tatkräftigen, unerschrockenen Mannes, der auch vor bedrohlichen Situationen nicht zurückschreckt, scheint sich hier in unkontrollierten Gewaltausbrüchen manifestiert zu haben, direkt vor meinen Augen, wie faszinierend!!! Einen wilden Menschenstamm aus solch‘ nächster Nähe betrachten zu dürfen ohne dafür in die Tiefen des Amazonas vordringen zu müssen, das nenne ich wahres Forscherglück!

Es gibt sie also noch, die Barbaren. Und ich habe sie entdeckt. In „Nirrer-Roure“. Niederträchtiger, menschlicher Geruch macht sich bemerkbar.

So weit die Lage, liebe Freunde. Es kann nur besser werden. Ganz, ganz sicher.

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